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Ersteinschätzung in der Notaufnahme: Warum müssen manche Notfälle langer warten?

„Ich bin aber auch ein Notfall; muss man in der Notaufnahme erst sterben bevor ein Arzt kommt?“, schreit der Mann.

Ein Mann, Mitte 40, stellt sich in der Notaufnahme vor. Er hat Schmerzen in den Waden und möchte sofort behandelt werden. Der Mann ist zudem mies gelaunt, weil sein Tagesplan futsch ist. Doch wie alle anderen Patienten auch, wo zunächst scheinbar keine Lebensgefahr besteht, muss die Dringlichkeit seiner Behandlung vorab eingeschätzt werden, da sich momentan mehrere Fälle auf die gleichen Ressourcen (Behandler) verteilen. Zur Ersteinschätzung der Behandlungsdringlichkeit in der Notaufnahme gibt es mehrere validierte Instrumente; eines davon ist das Manchester-Triage-System.

Sortierung von Notfällen nach dem Manchester-Triage-System

Bei der Ankunft in der Notaufnahme sichtet, befragt und sortiert das Personal alle Notfälle nach dem Manchester-Triage-System (von frz. trier ’sortieren‘). Mittlerweile wenden viele Notaufnahmen in Deutschland das System an, seinen Ursprung hat es in Großbritannien. In der Notaufnahme treffen oft viele Notfälle zur selben Zeit ein. Die vorhandenen Mittel sind aber begrenzt. Folge: Das Personal muss geschickt organisieren und steuern, damit möglichst alle Hilfe erhalten – dabei gilt: Schwerkranke zuerst – der Rezeptblock kommt später. Jeder Notfall bekommt eine Farbe auf seine Akte; die Farbe bestimmt die maximale Wartezeit bis zum Beginn einer ärztlichen Behandlung. Kriterien, die keinen Einfluss auf die Farbe haben: Eintreffen zu Fuß, per Rettungswagen oder Helikopter. Die Beschwerden und Symptome entscheiden, wie dringlich es ist: Rot ist der Schock – Blau braucht vom Block.

Dringlichkeit und Wartezeit nach dem Manchester-Triage-System

Das Manchester-Triage-System im Detail

Notfälle zeigen oft Hauptsymptome, die zu einem typischen Beschwerdebild passen; das Manchester-Triage-System gibt 50 Beschwerdebilder vor. Der schreiende Notfall hat Schmerzen in den Waden, präsentiert also das Beschwerdebild ‚Extremitätenprobleme‘. Zu jedem Beschwerdebild gehört ein Präsentationsdiagramm mit sechs Leitsymptomen: Lebensgefahr, Schmerz, Blutverlust, Bewusstsein, Temperatur, Krankheitsdauer; die Leitsymptome sind in allen Präsentationsdiagrammen zu finden. Im nächsten Schritt fragt das Personal spezielle Symptome ab.

Muss der schreiende Mann mit den schmerzenden Waden denn nun sterben, bevor ein Arzt kommt? Spoiler: Die Wenigsten sterben; der Tod kommt oft später.

Das Manchester-Triage-System im Detail: Schmerzen in den Extremitäten

Der schreiende Mann gibt als Leitsymptom ‚Schmerzen in den Waden‘ an. Die Schmerzqualität misst man mit verschiedenen Schmerzskalen; auf einer Schmerzskala von 1 bis 10 nennt er eine 4 – also leichte Schmerzen. Der Schmerz trat erst vor kurzem nach dem Joggen auf und bleibt gleich – also ein jüngeres Problem. Fazit: der schreiende Mann muss maximal 90 Minuten warten, weil er grün ist. Er stirbt heute nicht – so auch das Bauchgefühl des Personals. Während der schreiende Mann mehr oder weniger brav auf seine Behandlung wartet könnte sich sein Zustand verändern, daher ist kontinuierliches Beobachten und Einschätzen wichtig. Und auch nicht selten überschreiten Notfälle die maximale Wartezeit – also neu einschätzen!

Fazit: Der schreiende Mann mit den schmerzenden Waden muss nicht sterben bevor ein Arzt kommt. Die Ersteinschätzung nach dem Manchester-Triage-System ergab zum Glück: kein schwerwiegender Notfall. Das Leben kann weiter gehen. Gute Besserung!

Buchtipp: Mackway-Jones, Kevin; Marsden, Janet; Windle, Jill (Hrsg.): Ersteinschätzung in der Notaufnahme. Das Manchester Triage-System. 2. korrigierte und ergänzte Auflage, Bern: Verlag Hans Huber 2010.

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