Operation
Vorwort

 
In eine erfundene Welt
gelangen alle Leute, deren Kopf voll Fantasie ist. Lass sie aus dir heraus
sprudeln. Wie aus einer Blubberbrause, die vorher geschüttelt wurde. Es ist gar
nicht so schwer. Du weißt nicht, ob du fantastisch denken kannst? Du meinst da
ist nur rote und grüne Grütze in deinem Kopf? Schüttle ihn doch mal. Wenn es
blubbert und gluckst muss es wohl die Grütze sein. Wenn nicht, lies einfach
weiter. Das wird schon noch.
Ich knipse jetzt meinen weißen
Lampenschirm an, der am Ende eines weiten silbernen Bogen hängt. Magisch
schwebt er über der Tischplatte. Behagliches, gedämpftes Licht hüllt mein
kleines Schreibzimmer ein. Gedanken sausen durch mein Gehirn. Ich beginne zu
schreiben.
 

Viel Spaß beim Lesen!

1
Verkehrte Temperatur
 
Montagmorgen, der Tag erwacht. Die Dunkelheit der Nacht verschwindet
langsam. Das gelb-schimmernde Licht der Straßenlaterne leuchtet durch einen
winzigen Spalt im Vorhang in sein Zimmer. Der Wecker klingelt unaufhörlich. Tim
drückt das weiche Kopfkissen auf sein rechtes Ohr. Die Ziffern auf dem roten
Display zeigen sieben Uhr. Eigentlich ist es Zeit auf zu stehen, denn die
Schule beginnt um acht. Vorher muss er aber noch Zähne putzen und sich frisch
machen. Zumindest eine Katzendusche sollte sein. Doch Tim ist hundemüde.
Außerdem fühlt er sich heute nicht gut. Genauso wie seine Eltern es immer tun
legt er die Außenseite seiner Hand auf die eigene Stirn um die Temperatur zu
fühlen. Oh je, seine Stirn ist ganz heiß. Mit einer verkehrten Temperatur muss
man ja zum Arzt, stellt Tim fest.



Mama kommt ins Zimmer, um nachzusehen, warum der Wecker immer
noch klingelt. Tim hat einfach vergessen ihn auszumachen. Mama macht Schluss
mit dem nervigen Geräusch und setzt sich zu Tim auf’s Bett. Er hat sich schon
längst wieder hingelegt und die kuschelig-warme Decke bis an die Schultern gezogen. Mama streicht ihm über den Kopf und möchte wissen warum er so lustlos
sei. „Fieber!“, nuschelt Tim ins Kopfkissen hinein. Er spürt die Hand von Mama auf
seiner Stirn. Sie ist kalt. Mama holt zusätzlich das Ohrthermometer und misst nach. “39,2 Grad. Oh je, mein kleiner Junge hat wirklich Fieber”,
entgegnet Mama mitleidend. Sie umfasst beide Zipfel der Decke und zieht sie ihm
noch weiter hoch, bis unter das Kinn. Mama weiß was zu tun ist. Tim müsse nun
viel schwitzen und darf nicht zur Schule gehen. Wenn es morgen nicht besser
ist, gehen beide zum Arzt. Tim bleibt den ganzen Tag im Bett guckt sich seine Lieblingsbücher an und darf fernsehen. Derweil kocht Mama ihm gesund machende Speisen. Der Kamillentee schmeckt ihm
nicht, hilft aber. Also würgt er ihn herunter. Oma Lotti
kocht dem Opa Willi auch immer einen Kamillentee. Opa schmeckt das genauso
wenig. Doch Oma freut sich, also trinkt er ihn. Glücklich sein hält schließlich gesund. Das Zwieback ist staubtrocken. Besser schmeckt es mit Schokocreme. Kauen
strengt an, trinken ist besser. Mit einer dicken Schicht Schokocreme auf dem
Zwieback in seiner Hand schläft Tim ein. 
Beim Krankenbesuch wischt Mama ihm die angetrockneten Schokoladenreste
mit einem feuchten Lappen aus dem Gesicht, dreht ihn behutsam auf die Seite und
passt dabei auf, dass er nicht wach wird. Anschließend wechselt sie noch fix
das schmutzige Kopfkissen. Tim schläft tief und fest. Sie legt seinen Kopf wieder
auf das frisch bezogene Kissen, gibt ihm einen liebevollen Kuss auf die Stirn
und wünscht ihrem Kleinen eine spannende Nacht voller Abenteuer. Sie beobachtet ihn noch eine Weile, bevor sie aufsteht.

 

2
Aufstehen
 
Eine Zunge gleitet auf Tim’s rechter Wange entlang, rauh und
feucht. Aber gar nicht mal unangenehm, weil er es kennt. Zwischen den
Schleckvorgängen ein schnelles Hächeln. Tim öffnet die Augen und dreht seinen
Kopf herum. Es ist Heppino. Mit seiner roten, wulstigen Zunge begrüßt er Tim an
diesem schönen Morgen und möchte, dass er endlich aufsteht. “Hör jetzt auf
zu Schlabbern, bitte!”, sagt Tim fordernd und gleichzeitig kichernd. Er
muss sich mehrmals wiederholen, bevor Heppino endlich aufhört. Mit großen
Kulleraugen, die in Tim’s Richtung starren, sitzt er auf seinen Hinterpfoten
vor dem Bett auf dem flauschigen Teppich und wartet ungeduldig. Vor lauter
Freude wackelt er dabei mit seinem kurzen, stummeligen Schwanz. Dieser ist zwar
nicht besonders lang, hat aber den Vorteil, dass er nicht versehentlich auf ihn
tritt.
Tim dreht sich lustlos um, schließt die Augen und taucht
wieder in seinen Traum ein, wo er als Nuss-Nougat Pirat NuNo auf hoher See
unterwegs ist. Er ist Kapitän eines prachtvollen alten Schiffs namens
Schokosplitter und segelt mit seiner hässlichen Mannschaft über die Weiten des Blubberwassermeers.
Noch kross wie ein Schokoflip in kalter Milch gleitet das Segelschiff durch den
Ozean. Am dunkelbraunen Mast, geschnitzt aus einer Vanilleschote, weht eine
schwarze Flagge mit weißem Totenkopf im Wind. NuNo und seine Seemänner sind auf
der Suche nach den geheimnisvollen roten und grünen Wackelpeter-Inseln, welche
von sauren Cola-Schnüren am Ufer umwachsen sind, in denen sich öfters Schiffe
verfangen, wenn sie zu nah ans Ufer kommen. Vulkane donnern und spucken heiße
Schokolava aus, die ins Meer fließt und dort abkühlt. Kleine, quirlige Affen in
den Bäumen aus Schaumwaffeln werfen frech, von Ast zu Ast hangelnd, mit Cola-Krachern,
wenn man unter ihnen entlang spaziert. Im Laufe des Traums wird NuNo’s
Piratenbraut Karamella von vieräugigen Tentakelköpfen gefangen genommen. Der
Kapitän will seine Liebste retten.

Nach einer Weile geht Heppino erneut zum Schleckangriff über.
“Gut, du hast Recht! Es wird nun wirklich langsam Zeit aufzustehen”,
sagt Tim und wehrt das Schlabbern ab indem er Heppino’s Kopf zur Seite schiebt.
Dabei schaut er auf die rote Digitalanzeige seines Weckers auf der blauen
Kommode neben dem Bett. Die roten Ziffern zeigen schon neun Uhr. Tim ist zwar
noch nicht ganz wach, gibt sich aber Mühe aufzustehen. „Komm her, erstmal wird
gekuschelt“, sagt er und fällt Heppino um seinen warmen, pelzigen Hals. Beide
verbindet eine Besonderheit. Sie verständigen sich über eine Sprache, die alle
anderen Menschen nicht verstehen. Das bleibt aber ein Geheimnis zwischen ihnen.
Tim ist ganz verschwitzt und hat riesigen Durst. Doch zunächst will er auf die
Toilette. Heppino folgt ihm. Wie ein überfressener Bär schlurft er, von einer
Seite zur anderen schwankend, hinterher und zwängt sich durch die halboffene
Tür hindurch. 
Mama kommt ins Bad, um sich nach der Temperatur ihres
Lieblings zu erkundigen. Tim glaubt, dass sie immer noch verkehrt ist. Mama
misst erneut nach und gibt ihm kopfnickend Recht. Sie fragt Ihn, was sie nun
machen wollen. Tim ahnt es: “Na, wir müssen jetzt zum Arzt, oder? Darf
Heppino auch mit?“. “Heppino kann uns bis zur Kinderarztpraxis begleiten,
muss dann aber draußen bleiben. Du weißt, Hunde dürfen dort nicht mit
hinein”, antwortet Mama. “Aber das ist mir doch klar”, erwidert
Tim gelangweilt. Nach dem Frühstück machen sie sich auf den Weg.

3
Warten, bis der Arzt kommt
 
Der kleine Patient sitzt am Rand einer langen, schwarzen
Untersuchungsliege. Sie ist bedeckt mit einem grün-weißen Tuch, das bei
Bewegung komisch knistert. Er ist allein im großen, hell beleuchteten Untersuchungszimmer.
Das grelle Licht kommt aus vielen langen Stäben, die über ihm an der Decke
hängen. Tim guckt umher und baumelt dabei mit seinen Füßen, die noch nicht ganz
bis zum Boden reichen. Er wartet gespannt auf den Arzt.
 

Vorhin bat ihn eine kleine, ältere Arzthelferin mit grauem
Haar sich für den Arzt vorzubereiten. Zum Ausziehen seines Pullovers lehnte er ihre Hilfe ab. Das kann er schon allein. Jedoch brauchte er Unterstützung, um sich auf die Untersuchungsliege zu setzen. Ein von ihr bereit gestellter Hocker erleichterte ihm das hochsteigen. Die Arzthelferin trägt eine
riesengroße Brille, welche die Hälfte ihres Gesichts bedeckt. Die Gläser sind
dick wie die Ränder von Opa Willi’s uraltem Aschenbecher. Der wahnhaft wirkende, starre Blick der Arzthelferin macht Tim Angst. Ein Wunder, dass die schwere Hornbrille auf so einer kleinen Knollennase sitzen bleibt. Die Brillenbügel gehen an ihrem Ende in ein dunkelbraunes Band über, das aussieht wie ein zerschlissener Schnürsenkel. Locker geschwungen hängt es am dicken, teigigen Hals der Arzthelferin herunter. Ihre dunkelgrünen Augen wirken durch die Gläser
lupig. Tim nennt etwas lupig, wenn er Dinge mit der Lupe seiner Oma Lotti
vergrößert. Sie benutzt das Vergrößerungsglas immer beim Lösen von
Kreuzworträtseln. Tim erkundet damit gern den chaotischen Wohnzimmertisch, wo
es allerhand zu entdecken gibt. Opa Willi hat nun auch eine Brille. Die frischen, knackigen Karotten von
Oma Lotti wollte er nie essen. Die hat er lieber den Ponys gegeben. Dabei sind
Karotten wegen dem Vitamin A gut für die Sehkraft. Ohne Brille hat er mal die
Ziegen mit den Schafen verwechselt. Die Ziegen waren nach ihrer Schur dementsprechend
total sauer und redeten lange Zeit nicht mit ihm. Opa war daraufhin total
frustriert, weil die nackten Ziegen ihm so leid taten. Oma Lotti hat dem Opa
somit eine Brille besorgt. Alle freuten sich. Die Ziegen und auch die Schafe blökten
und meckerten nun wieder zufriedener. Tim schaut sich weiter um im Untersuchungszimmer. Ihm wird
langsam kalt.

4
Wusssch
 
„Hilf uns!“, ruft jemand. Erschrocken schaut Tim hinüber zur
Spüle. Was war das? Da war doch eine Stimme. Er kann aber niemand sehen.
Komisch. Ihm wird mulmig zumute. Bildet er sich das etwa nur ein? Und schon
wieder ruft jemand: „hab keine Angst. Es ist wichtig. Wir wissen nicht, wer uns
sonst helfen könnte. Eine Freundin von uns steckt in großen Schwierigkeiten.“ Um
mehr Sicherheitsabstand zu bekommen presst Tim beide Handflächen auf die Untersuchungsliege,
hebt seinen Po und rutscht weiter nach hinten, lässt
dabei die Spüle aber nicht aus den Augen. Er ist total verwirrt. Am liebsten
würde er den Raum sofort verlassen. Andererseits interessiert ihn aber auch wo
das Geräusch herkommt. Wusssch! Da huscht etwas an seinem Kopf vorbei. Schnell
fliegt es, von links nach rechts, mit Pirouetten um seinen Kopf herum. Plötzlich
schlägt es einen Haken und saust hinab nach unten. Kurz vor einem möglichen
Aufprall auf dem dunklen Laminatboden wechselt es blitzschnell die Richtung und
fliegt wieder nach oben. Tim versucht den Bewegungen zu folgen, was aber gar
nicht so einfach ist. Was ist das nur? Eine Motte, die zum Licht fliegt? Ein
Schmetterling der sich verirrt hat? Nun kommt es auf einmal von der Decke aus
auf Tim zugeflogen. Hinter dem Ding das grelle Licht der langen Leuchtstäbe.
Geblendet dreht Tim sich zur Seite und hält schützend die Hände vor den Kopf. Kurz
vor dem vermeintlich spürbaren Zusammenstoß hört Tim wieder ein lautes Wusssch. Es dreht zur Seite ab. Das
Geräusch entfernt sich. Langsam öffnet Tim seine Augen, dreht sich, auf der
Untersuchungsliege kauernd, seitwärts. Doch 
was ist das? Das Ding sitzt auf
einmal auf seiner Schulter. Tim erstarrt, sein Atem wird schneller, der ganze
Körper kribbelt unangenehm. Sein Herz schlägt so kräftig und schnell wie die
Antriebswellen einer schnaufenden Dampflok, wenn sie sich bei der Anfahrt in
die Gleise presst. „Hilf uns! Es ist wirklich wichtig“, ertönt eine leise
Stimme in seinem rechten Ohr. Tim hebt daraufhin seinen linken Arm zur rechten
Schulter um es weg zu schnipsen. Das Ding springt aber vorher auf und fliegt in
einem engen Bogen um seinen Kopf herum. Er hört dabei wieder dieses lang
gezogene Wusssch. Nun sitzt das
fliegende Ding auf der linken Schulter. Noch ein Schnipser, wieder nicht
erwischt. Genervt fliegt es auf den riesigen, braunen Schreibtisch vom
Kinderarzt zu und setzt zum Landeanflug an. Dabei wird es langsamer, wie ein
Fallschirmspringer, der mit geöffnetem Fallschirm zur Erde schwebt.
Aus sicherer
Entfernung, auf dem Tisch stehend, schaut es zu dem schnipsenden Wesen herüber.
Nein, das kann nicht sein, denkt sich Tim und kneift sich in den Arm. Doch, es
ist wahr. Er muss grinsen. Da steht ein braunes Pflaster mit großen, schielenden
Augen. Die fünf weißen Löcher in der Mitte des Pflasters sehen aus wie
Sommersprossen. So etwas hat Tim noch nie gesehen. Er kennt nur die vielen
kleinen, hell- bis dunkelbraunen Punkte auf Oma Lottis Gesicht. Oma Lotti war
immer so unzufrieden mit ihrem Gesicht. Also hat der Opa Willi der Oma Lotti
Kuh10Creme im Laden um die Ecke gekauft. Opa Willi erklärte, die Kuh10Creme
werde aus der Milch von 10 hübschen Kühen gewonnen, die nur feinstes Gras zu
Essen bekämen. Aber das nur am Rande erzählt. Wieder zurück zur Geschichte.
 

Das
Pflaster trägt einen hellen, sandfarbenen Umhang, welcher im Wind der
Klimaanlage weht. Tim könnte sämtliche Superhelden aufzählen. Ihm fällt auch sofort
ein Name für dieses merkwürdige Ding ein. Trostos Pflasterheld. 

„Ich möchte dich um Hilfe bitten und werde dabei weggeschnipst.
Das ist nicht nett!“, merkt Trostos zu allererst an. Wenn er spricht, verdreht
er so lustig seine Schielaugen. Amüsiert antwortet Tim: „aber Trostos, ich hatte
Angst. Bisher konnte ich doch nur mit Heppino reden. Und auf einmal diese
Stimmen…“. Trostos fliegt herüber und setzt sich neben ihn auf die schwarze
Untersuchungsliege. „Wow, du bist wirklich ein Pflaster“, staunt Tim. Trostos erhebt
sich in die Luft, dreht ein paar schnelle Pirouetten und landet wieder. „Ja,
das bin ich, ein Pflaster“, sagt es stolz. Tim grinst über beide Ohren. „Ich
habe aber noch nie ein Pflaster gesehen, das aussieht wie ein Superheld und
dazu noch schielt“. „Superheld? Das haben die anderen ja noch nie zu mir gesagt“,
merkt Trostos an. „Welche anderen? Wen meinst Du?“, möchte Tim wissen und ist
neugierig.

5
Oh, mon Dieu!
 
„Kommt, zeigt euch!“, fordert Trostos die anderen auf, „Tim
wird euch nichts tun. Er wird uns helfen.“ Trostos ist davon zwar fest
überzeugt, wirft aber trotzdem vorsichtshalber noch einen kurzen Blick auf Tim,
um sich abzusichern. Tim nickt ab. Ein leises Wimmern, ein trauriges Seufzen, da,
im Schatten der Handschuhbox, hinten in der Ecke. Wer trauert dort so elendig?
Tim rutscht auf der Untersuchungsliege nach vorne, stützt seine Arme auf, holt
Schwung und hüpft herunter. In kurzen, leisen Schritten schreitet er zum
riesigen dunkelgrauen Apothekerschrank neben der Spüle. 
Den Schleichgang in Perfektion hat ihm Opa Willi beigebracht.
In passenden Momenten schlichen sich beide immer an der Oma Lotti vorbei in die
Küche. Sie mussten dabei aufpassen, dass die alten hölzernen Dielen im Flur nicht
knarren. Tim blieb seinem alten Lehrmeister stets dicht auf den Fersen und
schlich wie ein Indianer hinterher. Wie so oft war ihr Ziel die Küche, wo der
fantastisch leckere Schokokuchen von Oma Lotti stand, der so wunderbar herrlich
duftete. Den beiden floss der Speichel die Mundwinkel herunter, wenn sie ihre
Nasen in die Luft streckten, um den Geruch einzufangen. Noch heute ist Opa
Willi ein schlemmendes Schlitzohr. Tim ist da seinem Opa ganz schön ähnlich.
 
Seinen Rücken an den Apothekerschrank gepresst, bewegt sich Tim
schrittweise seitwärts nach links. Mit jedem Schritt hört er das Gejammer aus
der Ecke deutlicher. Trostos beobachtet diesen Vorgang abwartend aus der Ferne.
Immerhin weiß er ja, was los ist. Er hätte es Tim auch sagen können, doch soll
er es selbst herausfinden. An der Spüle
angekommen nimmt Tim seinen ganzen Mut zusammen, stellt sich auf die
Zehenspitzen und schaut vorsichtig hinter die Handschuhbox. Kaum erkennbar,
weil von seinem eigenen Schatten bedeckt, sieht Tim nur Umrisse. Etwas sitzt
dort und jammert bitterlich. Was ist da nur los? „Warum bist du so traurig?“,
möchte Tim Wissen. „Oh, mon Dieu! Mon amour. Elle est passé. Isch abe sie
verloorään. L’amour n’est pas toujours pour nous“, erklingt es aus dem Schatten.
Tim versteht nur Quark. All das Gejammer und dazu diese komische Sprache. Was
soll das? „Er, er, er hat seine gro- gro- große Liebe verloren. Paula Pinzette.
Sie, sie, sie ist seine Freundin. VIBA ha- ha- hat sie entführt“, ertönt es nun
stotternd von der Decke. „Und wer bist Du?“, fragt Tim nach oben schauend. 

Zwei
große, eiförmige Augen glotzen neugierig über den Rand des Apothekerschranks. Beide
beobachten sich neugierig. Plötzlich aber springt es vom Apothekerschrank und
landet direkt neben der Handschuhbox. Wie ein Gummiball hüpft es auf und ab.
Der Körper besteht aus schwarzen Gummischläuchen. Ein U-förmiger Schlauch, an
dessen beiden Enden sich die Eieraugen befinden und dazu ein geschwungener Schlauch
senkrecht, an dessen Ende ein runder, schimmernder Metallfuß hängt. Das Ding kennt
Tim. Beim Kinderarzt zuckt er immer kurz zusammen, wenn es seine warme Brust
berührt. Schließlich stellt er fest: „ja, du bist doch ein
Stethoskop!“ Sofort fällt ihm auch ein Name ein- Horcho. „Ha- Ha- Hallo! Meinst
Du mich?“, fragt das Stethoskop ganz zerknirscht und glotzt Tim mit seinen
Eieraugen an. „Lustig, deine Eieraugen, sehen aus wie Horchglubschis“, kichert
Tim. Trostos kommt zur Spüle herübergeflogen. Während dessen
verschwindet Horcho auf- und abwärts hüpfend im Schatten der Handschuhbox. Ein
paar Augenblicke später schiebt er den jammernden Trauerkloß stückweise ins
Licht. Es ist eine Schere, eine rote Schere mit einer glänzend blauen Nase.
Zwischen Mund und Nase befindet sich ein geschwungener, schwarzer Schnurrbart,
fein säuberlich geschnitten. Oma Lotti sagt dazu immer Rotzbremse. Einmal,
da sammelte sich bei Opa Willi während des Trinken die Milch in seinem Schnurrbart. Er bemerkte das aber gar nicht und ging damit spazieren. Tim kringelte sich
unterwegs vor Lachen. Opa wunderte sich nur warum ihn alle so anstarren. 
Die Schere sieht ziemlich verheult aus. Tim reicht ihr
ein Tuch aus dem Papierspender. 
Am Oberschenkel der Schere befindet sich eine
kleine, blaue Hosentasche mit einem weißen Knopf, der zwei Löcher hat. Irgendwie
erinnern Tim die Farben der Schere an etwas, das er kennt. Na klar! Ihm geht
ein Licht auf. Das sind die Farben der französischen Nationalflagge. Die hat er
doch schon ganz oft bei Fußball-Meisterschaften gesehen. „Wie heißt du?“, fragt
Tim die Schere vorsichtig. „Mein Namöö iis Jacques“, antwortet die Schere
bedröppelt. „Ah, und was ist passiert?“, fragt Tim nun.

6
Endlich, der große Tag
 

Jacques bekommt wieder eine Heulattacke und
kauert sich zusammen. Trostos ergreift die Initiative und erzählt: „Timmy Thermometer kam damals auf die
Idee“, beginnt er während Tim ihn fragend anschaut, „oh ja, stimmt, du wirst Timmy
das blaue Thermometer mit der roten Temperaturskala nicht kennen. Er trägt eine
schwarze Brille mit dicken, eiförmigen Gläsern. Sie bedeckt fast sein gesamtes
Gesicht. Damit sieht er aus wie ein Schlaumeier“, alle kichern, „und wenn seine
Temperaturskala rot aufleuchtet, dann hat Timmy die tollsten Ideen. So wie an
diesem einen Abend. 
Nachdem alle Mitarbeiter die Kinderarztpraxis
verlassen hatten, überlegten wir gemeinsam wo Paula und Jacques heiraten können. „Hä, und wer ist Paula?“,
unterbricht ihn Tim. „Eins nach dem anderen“, beruhigt ihn Trostos und fährt
fort, „also, wo war ich? Ja. Timmy hatte also folgende Idee. Jede Nacht
beleuchtet der Mond die Fensterfront des Hauses und zaubert eine
gemütlich-harmonische Stimmung auf die Fensterbank. Warum also nicht direkt an
dieser Stelle heiraten? Paula und Jacques sitzen dort des Öfteren abends
zusammen und kuscheln. Alle waren begeistert von diesem Vorschlag. Angeregt von
den Überlegungen zur Hochzeit erzählte das Liebespaar noch von ihren Planungen
für die Flitterwochen. Beide träumen von einem schicken kleinen Häuschen aus
Gips auf der traumhaften Insel Medizinos. Diese Insel liegt nur eine halbe
Seemeile vor Kreta entfernt. Und wie sie einige Wochen vorher schon mitbekommen
hatten plant der Kinderarzt dort seinen nächsten Urlaub zu verbringen. Das wäre
ideal, denn so könnte das Hochzeitspaar im Arztkoffer mitreisen. Die Vorbereitungen zur Hochzeit waren
anstrengend. Es gab viel zu tun. Dadurch verging die Zeit wie im Flug. Und da
war er schon, der große Tag! Wie gewünscht erstrahlte die Fensterbank durch das
Mondlicht im majestätischen Glanz. Es war ein schöner Ort zum Feiern. Dort
standen selbst gemachte Tische und Stühle aus Medikamentenverpackungen.
Außerdem gab es einen Hochzeitsaltar, der aus elastischen roten und blauen
Gipsbinden bestand. Zwei Gipsbinden hochkannt, von jeder Farbe eine. Oben drauf
lag eine Platte aus zehn Schichten Gipslonguette.“ Jacques fällt Trostos
heulend ins Wort: „isch abä ein Meisterwerk geschaffön für mon amour.“ Einen
Augenblick Totenstille, alle Versammelten schauen sich betroffen an, dann fährt
Trostos einfach fort: „das Meisterwerk stammt eher von Piecks Zauberspritze. 

Ein
Zauberspruch, ein paar geschickte Bewegungen mit seinem Spritzenkörper und
schwuppdiwupp entstanden im Gips Verzierungen der elegantesten Art. Die
elastischen Gipsbinden des Altars, Tische und Stühle umwickelte der Zauberer
mit flauschiger Watte. Und zwischen den Gipsbinden noch eine aus Krepppapier
gebundene Schleife- fertig! Alle Gäste saßen gemütlich und konnten dem
harmonischen Treiben am Altar gebannt zuschauen. Immerhin sollte es der
schönste Tag im Leben eines Liebespärchens werden. PAULA und JACQUES- im Set für immer! So hieß der Schriftzug auf
den Servietten aus dem Papierspender, die fein gefaltet auf dem Tisch lagen.
Vermählt wurde unser Liebespärchen
von Tab, einer gelben Tablette mit Segelohren, roter Nase mit weißem Kreuz und
einer babyblauen Mütze. Viel Lebensweisheit, Humor und ein großes
Einfühlungsvermögen, gepaart mit einer sanften Stimme. Genau wegen diesen Eigenschaften
ist sie die Richtige für den Job. Mittlerweile weilt Tab seit knapp 39 Tagen auf
dieser Welt, im rosafarbenen Blister der weißen Medikamentenschachtel, ganz
oben im Schrank. Tab ist die letzte ihrer Art. 
Die anderen chinesischen
Tabletten sind schon weg. Schon als Teenager, es müsste so ab dem 15. Tag
gewesen sein, hat Tab leidvoll miterlebt was es heißt mehrere Verwandte zu
verlieren. Einer nach dem anderen wurde von der bösen Frau des Kinderarztes
geschluckt, damals, als sie noch mit dem Kinderarzt verheiratet war. Doch
irgendwann war sie zum Glück weg. Niemand weiß warum, aber eins ist klar. Seit
diesem Tag ist der Kinderarzt viel netter zu seiner Umwelt. Liegt vielleicht
daran, dass er kaum noch schlechte Laune hat.

Tab rollte sich für die Zeremonie über eine Rampe aus
Pappkarton auf einen Hocker hinter dem Altar, fokussierte zuerst die Menge vor
sich, danach das Liebespärchen und lächelte zufrieden. Nachdem seine Stimme
ertönte starrten alle Gäste sofort nach vorne. Ein letztes Wort, gefolgt von
einem übergebenden Nicken seitens Tab und Paula hob ihren hübschen weißen
Schleier aus Verbandsmull damit das Brautpaar sich küssen konnte. Gebannte
Stille erfüllte den Raum.

Plötzlich ohrenbetäubender Lärm und lautes Gebrüll: „doch
kein Kuss. Jetzt ist Schluss, weil die Braut nach Hause muss. Muhahahaha.“ 
Alle Gäste guckten verschreckt nach oben. Viba sauste die
Fensterbank entlang, riss sämtliche Deko um und verbreitete enormes Chaos. Die
gesamte Hochzeitsgesellschaft lief wie wild umher, mit dem Versuch sich vor
diesem fiesen Bösewicht in Sicherheit zu bringen. Viba ließ ein Schleppnetz aus
DNA- Strängen durch den Raum gleiten und schnappte sich Paula, die leider über
ihren Schleier stolperte und nun hilflos am Boden lag. Tab rollte die Anhöhe
hinter dem Altar herunter und schaute in den Himmel. „Muhahahaha“, erhallte es
erneut durch die Straße zwischen den Häusern. Der Bösewicht verschwand mit
Paula im Schleppnetz Richtung Finsternis. Je weiter sie sich von der
Fensterbank entfernten, desto leiser wurden Paula’s verzweifelte Hilfeschreie.
Ich war zuerst wie erstarrt, fing mich dann aber nach einiger Zeit wieder und
flog hinterher. Doch es war zu spät. Viba war viel zu schnell für mich. 

Jacques
war am Boden zerstört. Er wusste nicht mehr weiter. Piecks legte seinen grünen
Umhang tröstend um ihn. Sogar eine Zauberspritze war in diesem Moment ratlos. Durch
das enorme Mitleid, das er für Jacques verspürte verlor Piecks die Spannung in
seinen Gesichtsmuskeln. Dadurch hing seine Rotzbremse schlaff herunter. Er legte
sogar seinen schwarzen Zylinderhut ab, der sonst seine Glatze bedeckt. Und das
macht er wirklich nicht oft, weil es ihm eigentlich peinlich ist. Doch das war
ihm gerade egal. Piecks musste feststellen, dass kein Zauberspruch ein
gebrochenes Herz reparieren könnte. Jacques befreite sich aus dem klammernden,
grünen Umhang und lief ohne ein Wort zu sagen mit gesenktem Kopf in den Schatten
der Handschuhbox. Wie ein Häufchen Elend kauerte er sich dort nieder. Nichts
half ihm über den Schmerz hinweg. Er beschloss seine Trauerecke nie wieder zu verlassen.
Tim, wir machen uns ernsthafte Sorgen. Bitte, hilf uns!“ 

Tim hörte die ganze Zeit gebannt zu. So viel Böses. So viel
Leid. So viel Schmerz. Sein Kopf tut weh. Er selbst ist ebenso ratlos, erinnert
sich aber an Oma Lotti’s Worte. Sie meint immer, man solle einfach seinen Bauch
entscheiden lassen, wenn es nicht mehr weitergeht. „Ich k-k-kann ja mal
hö-hö-hören, was in Tim’s B-B-Bauch so los ist“, bietet Horcho an. „Aber nein, lieber
Horcho. Das ist eher anders gemeint. Trotzdem danke“, entgegnet Tim zuerst
Horcho und wendet sich danach an alle, „na gut, wir sollten uns auf den Weg
machen. Retten wir Paula! Mir ist jetzt sogar etwas eingefallen. Heppino! Er
ist Lawinenhund und kann super Spuren lesen. Tim ergreift die Initiative indem
er vom Apothekerschrank zum Fenster geht, um dann anschließend auf die Heizung
zu klettern damit er sich auf die Fensterbank hochstemmen kann. Er dreht den Fensterriegel
nach links, öffnet die Fensterflügel zu beiden Seiten und lehnt sich weit
hinaus. Mit der Vorderseite seiner Sneaker krallt er sich zwischen den
Heizkörperrillen fest. Tim kann Heppino sehen, pfeift dreimal ganz laut. Alle
anderen im Raum drängen nun auch neugierig ans Fenster und rufen: „Heppino!
Heppino!“ Heppino wartet brav, angebunden am Fahrradständer des
gegenüberliegenden Geschäfts, auf Tim‘s Rückkehr. „Pfiffe, ja, Tim’s Pfiffe“,
brubbelt Heppino vor sich her, wedelt aufgeregt mit dem Schwanz und läuft hin
und her. „Tim. Tim“ ruft er, „ich komme.“ Heppino zerrt kräftig an der
Hundeleine. Sie reißt. Während Heppino dabei beobachtet wird wie er geschwind
mit wackelndem Po über die Straße läuft möchte Horcho wissen: „aber wie
ko-ko-kommen wir von der Fe-Fe-Fensterbank herunter?“ Zunächst kratzen sich
alle am Kopf, doch dann reden sie wild durcheinander. Trostos hebt sich über
die Köpfe der anderen empor, verharrt wie schwerelos in der Luft und greift in
die Situation ein: „Leute, so wird das nix. Einer nach dem anderen. Lasst euch
doch bitte ausreden. Ich zuerst. Timmy, hast du eine Idee wie wir hier herunterkommen?“
Timmy gibt sich viel Mühe, aber seine rote Temperaturskala will nicht
aufleuchten. Trostos fragt weiter: „Tab, fällt dir was ein?“ „Ich weiß auch
nicht, vielleicht sollten wir den grünen Mundschutz als Fallschirm nutzen“,
antwortet Tab. „Yeah, gute Idee“, erklingt es im Chor. Nur Tim hat einen
Einwand: „Moment, ich bin doch viel zu schwer dafür. Lasst uns doch lieber
Mullbinden zusammenknoten. Wir befestigen sie dort am stabilen silberfarbenen
Fuß der schweren Untersuchungsliege und klettern daran an der Hauswand
hinunter. Euch packe ich in meine schwarze Umhängetasche.“

Kurze Zeit später sind alle in der Tasche verstaut. Tim zurrt
noch einmal kräftig am letzten Knoten des behelfsmäßigen Seils und setzt mutig
einen Fuß nach dem anderen über die Fensterbank. Die Gäste in der Tasche schauen
gespannt in die Tiefe während Tim mutig hinab klettert. „Super! Weiter so. Tim,
du bist unser Held!“, rufen sie erneut zusammen. Tim muss sich konzentrieren,
macht überlegt einen Schritt nach dem anderen. Er denkt an den Piraten NuNo,
wie er tapfer an der glitschigen, vermoosten Schiffswand der Schokosplitter hängt.
Am Ende ist es dann nur noch ein großer Sprung vom rauen Schiffstau bis zum
rettenden Boden der Piratenbucht. Geschafft! Sofort bespringt Heppino seinen
Kumpel und schlabberflutscht ihn mit seiner wulstigen rosafarbenen Zunge ab.
Wieder wedelt sein Schwänzchen hin und her. Tim sagt freudestrahlend: „schön
dich wieder bei mir zu haben. begrüße doch bitte unsere neuen Freunde.“ Ein
knappes „Hallo“ in Richtung der neugierigen Meute, die aus der Umhängetasche
guckt und Heppino wendet sich wieder seinem besten Kumpel Tim zu. „Heppino“,
weiht Tim ihn ein, „die Lage ist ernst. Der fiese Viba hat Paula entführt. Wir
müssen sie retten. Deine große, schwarze Schnüffelnase muss uns zu dem Ort
führen, wo der Bösewicht sie gefangen hält“, fordert Tim von ihm. „Klaro! Deine
neuen Freunde neben dir sehen freundlich aus“, meint Heppino und fügt hinzu,
„also helfen wir Ihnen.“ Hoch in die Luft gestreckt durchpustet der Wind die
riesigen Nasenlöcher seiner kalten schwarzen Schnüffelnase. Heppino nimmt die
Fährte auf. Tim ist stolz einen so tollen Freund zu haben.

Lieber Leser, kannst du alle neuen Freunde aufzählen? Na,
dann los. Aber nicht schummeln 😉

7
Yo, Bros. Was geht?
 
„Komisch. Hört ihr das auch?“ fragt Heppino in die Runde und
fordert die anderen auf still zu sein. Meint Heppino etwa den säuselnden Wind?
Oder doch das Rauschen der Blätter? Denn viel mehr Geräusche gibt es gerade
nicht. Verwunderung macht sich breit. Tim fragt: „was ist los, Heppino?“ „Na, hört
ihr das etwa nicht? Da ist doch eine Stimme“, antwortet er. Doch die anderen
können einfach nichts hören. „Da hat dir wohl jemand einen Floh ins Ohr
gesetzt“, meint Tim scherzhaft. „Ja, ich denke so ist es. Da ist ein Floh in
meinem Ohr. Kein Scherz.“ Die Stimme wird lauter, nun kaum zu überhören.
„Checkt mal meine megacoolen FloJumper. Damit könnt ihr so schnell laufen wie
bei 100m, ganz hoch springen und seht richtig cool aus“, protzt der Floh, kommt
mit x-beinigem Gang aus der Dunkelheit hervor und lehnt sich lässig an die
rosafarbene Wand der Gehörmuschel. „Yo, Bros! Ich bin Floh ohne H. Just Flo! Was
geht?“ fragt er und beantwortet sich seine Frage eigentlich fast von selbst
indem er hinzufügt, „ich habe die Lage von Paula Pinzette gecheckt. Nicht gut,
man, was da abgeht.“ Heppino wackelt mit seinem linken Ohr. Dadurch wird Flo durchgeschüttelt,
verliert das Gleichgewicht und fällt auf die Knie. „Chill mal, yo, man“, äußert
sich Flo empört, „musst ja nicht gleich so Erdbeben machen.“ „Es juckt aber,
wenn du in meinem Ohr herumstehst“, rechtfertigt sich Heppino und fordert ihn
auf heraus zu kommen. Widerwillig klettert Flo durch das dichte Fell den Kopf hinauf
und setzt sich nach einigen Schritten halsabwärts auf Heppino’s Rücken.  
 

So wie seine Gäste in der schwarzen Umhängetasche beobachtet
auch Tim das ganze Spektakel aus der Nähe. Die Meute ist erstaunt. So einen
Floh haben sie noch nie gesehen. Dieser hat große, ovale Augen, die eng
aneinander liegen. Sein Körper ist rund mit grünlich-grauem, wuscheligen Pelz.
In der Mitte sitzt eine lilafarbene Knollnase. Mit seinem blauen Basecap,
seinen weißen Handschuhen, den stylischen FloJumpern, seiner Art zu reden und
dem Dauergrinsen wirkt er megacool. „Yo, Bros! Was geht?“, fragt Flo erneut,
streckt den Arm aus, formt dabei seinen Zeige- und Mittelfinger der rechten
Hand zu einem V und redet weiter, „eure Rettungsaktion ist voll krass, yo. Fünf
Dinge sind voll wichtig. Eins. Geduld. Also erstmal gechillt Brain fragen. Zwei.
Coolness. Also, immer schön cool bleiben. Drei. Cleverness. Ein krasser Plan
hilft bei Geduld und Coolness. Vier. Mut. Wer Angst hat, kriegt nie was. Und Fünf.
Klar, man, FloJumper! Yo, Zauberspritze, du kannst doch so Magie und so. Stellt
euch alle in eine Reihe!“ Wie Perlen auf eine Schnur gezogen stehen nun alle
abwartend da. Ein flotter Zauberspruch, dazu der in Schwingung versetzte grüne
Umhang, eine vom Rauch umhüllte Meute, lautes Zischen und Knallen und im Nu
entfaltet der Zauber von Piecks seine Wirkung. „Wow! Zeig mal deine“, erklingt
es mit großem Erstaunen aus allen Richtungen. FloJumper in allen Größen und
Farben. Jeder trägt einen anderen coolen Sneaker. „Nun aber los, verschwenden
wir keine Zeit“, sagt Tim siegessicher, „auf zum fiesen Viba. Der wird sein
blaues Wunder erleben.“ Heppino hebt seine Schnüffelnase hoch und führt den
Rettungstr
upp an.

8
Gangster in der Unterwelt
 
„Meinst Du wirklich? Sind wir hier richtig?“, fragt Tim den
Floh, der mittlerweile auf Heppinos Kopf sitzt, und ergänzt, „eine Klinik? Was
will Viba mit Paula dort?“ „Was geht? Wohl noch nie davon gehört?“ Flo ist
verblüfft von so viel Unwissenheit und klärt die Meute auf: „in einer Klinik
gibt es neben den Guten auch die Bösen. Kaum zu checken, wie viele das sind. Zu
den Bösen gehören meist Viren, Bakterien, Pilze, Sporen, Bazillen und noch viel
mehr. Yo, Bros, aber Leute die im Krankenhaus arbeiten können sich vor diesen
Gangstern schützen. Gegen manche holst du dir aber lieber eine krasse Impfung
vom Arzt, man. Bei anderen reicht ein guter Gangsterkiller. Glaube, das heißt
Desinfektions-Zeug oder so. Passt also auf, Bros! Trotzdem kannst du aber deine
Family oder Buddys im Krankenhaus besuchen gehen. Die freuen sich bestimmt voll
über Besuch. Man sollte sich vorher und hinterher nur immer die Hände waschen
und den Anweisungen der netten Pflegekräfte und Ärzte folgen. Die sind die
Checker!“
 
Die Meute steht vor dem großen Haupteingang. KLINIK steht
dort oben auf einem weißen Schild mit pinkfarbenen Buchstaben geschrieben. Tim
liest vor, denn außer ihm kann es niemand so richtig. Nur Tab kennt ein paar
Wörter vom Beipackzettel seiner Tablettenschachtel. „Leute, wir haben es nicht
mehr weit. Ich kann es riechen“, freut sich Heppino, hält seine schwarze Nase in
die Öffnung mit den verglasten Türen und wedelt mit seinem Schwänzchen.
Plötzlich gehen die Türen zu. „Pass doch auf, Heppino! Das sind Schiebetüren.
Die gehen automatisch auf und zu. Sei bitte vorsichtig! Wir brauchen deine
feine Spürnase noch“, ermahnt ihn Tim und zieht ihn sogleich aus der
Gefahrenzone. Heppino zuckt kurz zusammen. Seine Nase wäre fast eingeklemmt
worden. Zum Glück hat Tim schnell reagiert. Die Neugier ist aber zu groß.
Heppino ignoriert Tim’s Ermahnungen, übt Druck auf seine Hinterpfoten auf, wartet
bis die Schiebetüren wieder offen sind, stößt sich kräftig ab und macht einen
großen Sprung auf die andere Seite. Geschafft! Euphorisch mit der Zunge
hechelnd steht er nun da und bestaunt seine tollen Flojumper. „Wuff! Los Leute,
ich warte hier auf euch. Kurz nachdem sich die Türen wieder öffnen müsst ihr
schnell springen. So erwischt ihr den richtigen Zeitpunkt ohne euch weh zu
tun.“ Tim traut sich nur zögerlich. Zunächst beobachtet er genau die Bewegungen
der Schiebetüren, wendet seinen Blick kurz hoffnungsvoll auf seine Flojumper
und springt dann im richtigen Moment los. „Au Backe!“, ertönt es dumpf aus der
schwarzen Umhängetasche. Tim hat wieder Boden unter den Füßen. „Puh“, stöhnt
nun der Inhalt der Tasche. „Weiter Leute, Paula ist ganz nah. Ich kann schon
ihr Parfum riechen. Chantal Nr. 2”, spornt Heppino die anderen an und läuft
voraus. Die kleinen Helfer werden wild durcheinandergewürfelt, so rasant läuft
Tim hinterher. „Gebt acht vor den vielen Gefahren“, meldet sich erneut der
Innenraum der Umhängetasche. „Huijuijui, da da da wird mir ga ga ganz doll
schlecht, wenn es weiter so he he heftig wackelt“, klagt Horcho und versucht
einen Punkt in der Tasche zu fixieren. Das hat er so vom Kinderarzt gelernt. Diesen
Ratschlag gab dieser seinen kleinen Patienten gegen Übelkeit. Horcho hing stets
um den Hals des Kinderarztes bei der Untersuchung und konnte so alles
beobachten.
 
Sie gelangen an einen hohen, quaderförmigen Tresen inmitten
einer weitläufigen, weiß gestrichenen Halle. Die Leute hinter dem Tresen sind
sehr beschäftigt- telefonieren, sprechen mit anderen Leuten oder tragen Papier
hin und her. So richtig bemerkt wird die Meute von niemandem. Also schauen die
Abenteurer sich weiter neugierig um. Überall an der Decke sowie an den Wänden
hängen weiße Schilder mit Bildern und Hinweisen in pinkfarbener Schrift. Die
Bedeutung der Schilder ist den Abenteurern nicht immer klar. Schade! Doch lässt
sich Tim nicht so leicht erschüttern. Immerhin ist er Pirat NuNo. Er folgt
einfach seinem Instinkt. „Vertraut eurer Cleverness“, erinnert Flo, „dann
checkt ihr so einiges!“ Beeindruckt von den ganzen Sinneseindrücken stehen sie wie
angewurzelt unter dem Tresen in der großen Halle und wenden ihre Blicke in alle
Himmelsrichtungen. Überall an der Hallendecke hängen schon wieder diese langen grell
leuchtenden Lichtröhren. Tim streicht Heppino über den Kopf. „Du super
Spürhund, wo steckt Paula?“ Heppino ist sich nicht mehr ganz sicher. Seine
Spürnase empfängt so viele unterschiedliche Gerüche. Er denkt, dass Paula sich
irgendwo unter ihnen befindet. Tim wundert sich: hä, wie? Wie meinst du das?
Die kleinen Helfer sind derweil schon wieder in der Umhängetasche verschwunden
und verhalten sich mucksmäuschenstill. Tim wirft einen kontrollierenden Blick
in den Innenraum der Tasche. Er leuchtet rot. „Timmy, was ist mit dir los?“ „Weißt
du, Tim, seine Temperaturanzeige hat das höchste Level erreicht“, erklärt
Trostos, „das bedeutet Timmy hat eine geniale Idee. „Freunde, wir müssen zum
Fahrstuhl, sprudelt es aus dem schlauen Thermometer heraus, „ich weiß, wie wir
nach unten kommen. Los geht’s!“
 
Sie schlängeln sich vorbei an dicken Leuten, an dünnen
Leuten, an kurzen Leuten, an hoch gewachsenen Leuten. An Leuten mit langen
Nasen und kurzen Ohren. An Leuten mit kurzen Nasen und langen Ohren. An Leuten
mit blondem oder rotem Haar- und, und, und. Hier tummeln sich so viele
verschiedene Menschen. Manche von Ihnen tragen komisch gemusterte, weiße
blaugrau gepunktete Hemden, die hinten am Hals zugebunden sind. Manch andere
sitzen in einem Stuhl mit Rädern und rollen sich mit ihren Armen vorwärts oder
werden von wiederum anderen geschoben. Es gibt auch rollende Betten, in denen Kranke
 liegen. Tim fragt sich, ob sie wohl alle
eine verkehrte Temperatur haben. Die kleinen Helfer sind auch neugierig und
drängeln sich erneut an den Rand der Umhängetasche, um einen Blick zu
erhaschen. Sie kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Mittlerweile ist
das rote Leuchten verschwunden, so sind sie weniger auffällig. Heppino drückt
seine feuchte Schnüffelnase weiter fest auf den Boden und bewegt sich vorwärts mit
wackelndem Po. Dabei hinterlässt er eine Schleimspur.
 

„Da vorne sind sie. Da!“, ruft Timmy euphorisch. Sie gelangen
an vier große Fahrstühle mit silberfarben glänzenden Türen, die paarweise
gegenüber angeordnet sind. Über den Türen leuchten immer wieder verschiedene
Symbole rot auf. Da stehen sie nun und glotzen auf die Anzeige. Wenn Leute ein-
oder aussteigen zeigt die rote Anzeige ein großes E. Wenn die Türen sich wieder
schließen zeigt sie kurz danach den Buchstabe K oder die Zahlen 1, 2, 3 oder 4.
Gespannt warten sie bis wieder der Buchstabe E angezeigt wird. Es ist soweit. „Los
schnell, rein da bevor sich die Türen schließen. Wir machen das so wie am
Haupteingang.“ Und schon ist Heppino als erstes im Fahrstuhl. Die anderen
springen schnell hinterher. Puh, alle sind sicher drin. Und endlich mal
gedämpftes Licht. An der rechten Wand des Fahrstuhls, knapp auf Tim‘s Augenhöhe
befinden sich mehrere silberfarbene Knöpfe. Sie zeigen die gleichen Symbole wie
auf der roten Anzeige über den Fahrstuhltüren – also E, K, 1, 2, 3 und 4. Die
Knöpfe sind untereinander, in einer Reihe angeordnet. „Drück einen Knopf, Tim“,
fordert Heppino ihn auf. Er weiß aber nicht, welchen er drücken muss. „Ich
glaube den mit dem K“, meint Heppino zu wissen. „Aber warum diesen?“, fragt Tim.
Na, der Buchstabe K ist unter dem Buchstaben E angeordnet. Und deine Mama geht
zu Hause immer die Treppe hinunter, wenn sie in den Keller geht. Also steht das
K für Keller und das E für Erdgeschoss. Denn wir sind gerade im Erdgeschoss
eingestiegen, weil sich wie bei uns zu Hause der Eingang der Klinik im
Erdgeschoss befindet. Und da wir bis jetzt noch keine Treppe hinuntergestiegen
sind gehe ich davon aus, dass wir abwärtsfahren müssen. Wenn man nun den Knopf
mit dem K drückt dann landet man folglich im Keller.“ Tim gibt ihm recht. Ihn
beschäftigt aber noch eine Frage: „woher wissen wir denn, dass Paula im Keller
ist?“ Prompt antwortet Flo: „im Keller ist es meist dunkler. Und Gangster wie
Viba halten sich gerne in der Unterwelt auf. Dort fühlen sie sich sicherer, um
Stress zu machen. Und sie bleiben oft unentdeckt.


9
Auf der Spur von Chantal Nr. 2
 
Ein kurzer Ruck und der Fahrstuhl setzt sich in Bewegung. Die
rote Anzeige wechselt von E zu K. Ein erneuter Rüttler, ein leises Quietschen
und der Fahrstuhl steht still. Die Fahrt scheint zu Ende zu sein. Gemächlich
trennen sich beide Türen voneinander und gehen auf. Dahinter totale Finsternis,
wäre da nicht der Schein des Fahrstuhllichts. Mutig wagt Heppino einen ersten
Versuch indem er seinen Kopf durch die geöffneten Türen steckt, schaut nach
links und rechts, schnüffelt und gibt schließlich sein Ok. „Immer schön
vorsichtig einen Schritt nach dem anderen“, fordert Tim seinen Kumpel auf, „nicht
das noch was passiert“. Ganz schön mühsam so in der Dunkelheit. Aber Timmy hat
wieder eine geniale Idee und schwups leuchtet zugleich auch schon seine
Temperaturanzeige erneut rot auf. Seine Strahlen durchdringen die Finsternis in
alle Ritzen und erhellen den Kellergang. „Boah, der ist aber lang“, staunt Tim
über das nun weitestgehend sichtbare Ausmaß des Kellers. Und im selben Atemzug
fragt er in die Runde, wo sie lang müssen. Dort lang? Oder eher doch in die
andere Richtung zurück am Fahrstuhl vorbei? Keine Antwort. Die kleinen Helfer
bleiben stumm und Heppino ist stark damit beschäftigt die Fährte von Paula
aufzunehmen. „Ah!“, sagt er schließlich und schiebt seine schleimige Nase am
Boden weiter vorwärts. Anscheinend liegen Partikel von Chantal Nr. 2 in der
Luft. Gut so. Tim folgt ihm einfach. Ein Spürhund wird schon wissen, wo er hin
will. Schnurstracks jumpen sie hintereinander den Flur entlang. Den Fahrstuhl
lassen sie hinter sich. An beiden Seitenwänden, von mehreren Türen
unterbrochen, befinden sich Holzstangen zum Festhalten. In der Ferne taucht ein
flackerndes Licht auf. Mit jedem Schritt den die Meute sich auf das Licht zu
bewegt wird die angelehnte Tür immer deutlicher sichtbar. Sie sind neugierig,
haben aber auch großen Respekt davor was sich hinter dem Türspalt befinden
könnte.
 

Vielleicht ist es aber auch Paula, eingesperrt in einem viel
zu engen verdreckten Käfig, total ausgehungert und schon halb verdurstet. Arme
Paula! Ihre Fantasie geht mit ihnen durch. „Los, Tim, schau doch mal durch den
Spalt durch“, ertönt es im Chor aus der Umhängetasche. „Soll ich wirklich?
Irgendwie traue ich mich aber nicht! Was ist, wenn hinter dieser Tür wirklich
Gefahren lauern?“ Tim ist ganz schön mulmig zumute. Heppino macht ihm Mut: „aber
Tim, wir werden dich doch beschützen! Schlag ein, von Pfote zu Hand. Versprochen!“
Tim will immer noch nicht so recht. „Trostos, kannst du nicht vorher mal
schnell rein- und rausfliegen und so die Lage checken?“ Diese Option fände Tim
besser. Danach würde er sich sicherlich trauen und reingehen. „Na gut“,
antwortet Trostos, startet leise seinen Pirouettenflug und verschwindet hinter
der Tür. Gespannt warten alle. Einen Augenblick später ist Trostos auch schon
zurück und berichtet: „nix gefährliches drin.“ Danach nimmt er wieder seinen
Platz in der Tasche ein. 
„Na gut, dann kann ich ja los“, sagt Tim mit zitternder
Stimme. Er bittet Timmy noch das rote Licht auszumachen bevor er seinen Körper
an die Wand links neben den Türspalt presst und seinen Kopf vorsichtig um die
Ecke in den Raum schiebt. Ein weitläufiger Raum. Links steht ein hoher, weißer
Schrank voller Wäsche. Tim hat schon modernere Schränke gesehen. Dieser ist
nicht schön. Das hölzerne Ungetüm ist gefüllt mit gefalteten weißen aber auch
blauen Wäschestücken. Diese sind fein säuberlich übereinander gestapelt. Tim
erkennt weiße Hosen und blaue Oberhemden. Weiß-gelb gemusterte Bettwäsche nimmt
den meisten Platz ein. Dort oben im Schrank liegen aber auch die komischen schnürbaren
Hemden, die er in der Haupthalle gesehen hat. Fast alle Leute in den rollenden
Betten trugen diese. Tim geht hinein und schaut sich weiter im Raum um. Sein Blick
wandert nach rechts. Dort steht ein verschlissener, viereckiger, brauner Tisch.
Davor eine gewichtige Frau auf einem schwarzen, ledernen Sessel mit fleckigem
und teilweise aufgerissenem Leder. Die sitzende Frau hat ein mondförmiges
Gesicht ohne Hals. Ihr runder, teigiger Körper erscheint so hoch wie breit.
Ihre großen Brüste liegen vor ihr auf dem Tisch. Angestrengt schaut die Frau auf
die braune Tischplatte und runzelt ihre Stirn, so, dass dabei Falten entstehen
zwischen ihren buschigen, ineinander gewachsenen Augenbrauen. Ihre Ellenbogen
sind auf den Tisch gestützt. Ihre Oberarme bewegen sich wie Wackelpudding hin
und her. Sie wirkt sehr konzentriert. Sie näht. Oma Lotti näht auch immer.
Besonders seine kaputte Piratenkluft. Oder die Löcher in seinen Socken, damit
der große Onkel drin bleibt. Die Wäschefrau hat Tims Anwesenheit schön längst
vernommen, sich aber bisher nichts anmerken lassen, um den armen Jungen nicht
zu verschrecken. „Na du, komm schon her. Ich werde dich nicht fressen- papperlapapp!
Wie heißt du? Was machst du allein im dunklen Keller?“ Die Wäschefrau hat eine
wohlklingende Stimme, gar nicht beängstigend. Tim ist beruhigt. Die kleinen
Helfer warten lieber eher weiterhin in der Dunkelheit ab. „So ein mutiger
kleiner Mann in einem finsteren Keller. Hast du dich verlaufen? Dein Freund vor
der Tür kann ruhig reinkommen. Ich mag Hunde. Wie heißt er? Er scheint vom Floh
befallen zu sein. So viele Fragen auf einmal. Die Wäschefrau ist sehr
interessiert. „Ich heiße Tim und das ist Heppino. Er ist Lawinenhund. Seine Spürnase
hat uns in den Keller geführt. Er ist der tollste Hund der Welt! Und das da ist
Flo. „Au fein“, sagt die Wäschefrau und steht mühsam keuchend aus ihrem viel zu
kleinen Sessel auf. Die drei stehen in knapp zwei Meter Entfernung zur riesigen
Wäschefrau, die mit stampfenden Schritten auf sie zugeht. Ihre Beine biegen
sich dabei nach außen und bilden ein O. Ihre großen Brüste schaukeln hin und
her. Ein beklemmendes Gefühl überkommt die Drei. Sicherheitshalber machen sie einen
großen Schritt zurück. Wiederum macht die Wäschefrau einen Riesenschritt auf
sie zu und kniet sich hin. „Wenn es etwas gibt wobei ich euch helfen kann, dann
hinaus mit der Sprache. Ich bin zwar nur eine alte Wäschefrau in einem dunklen,
spärlich eingerichteten Kellerraum, hoffe aber euch trotzdem weiter helfen zu
können. Zwei so liebe Geschöpfe wie ihr es seid. Für euch mache ich das gerne.“
„Ja, ähm, hallo Frau Wäschefrau. Da gibt es was“, stammelt Tim ganz mutig, „wir
haben Paula verloren. Paula Pinzette ist von VIBA entführt worden. Paula und
Jacques, also Jacques die Schere, wollten gerade heiraten und… .“ Die Wäschefrau
unterbricht ihn: 
„das wird wahrscheinlich eine sehr lange Geschichte. Nur habe
ich alte Frau keine Zeit. Ich muss viele Wäschestücke nähen und bin momentan
auch ganz schön müde. Aber ich weiß, wo medizinische Instrumente gelagert
werden, nachdem sie in der großen Waschmaschine gereinigt wurden. Schaut mal am
Ende des Flurs in den silberfarbenen großen Kasten mit den Rädern. Dort wird
sie eventuell drin sein.“ Kurze Stille und dann: „so, ihr netten, kleinen
Kerle, ich werde mich wieder an meinen Tisch setzen und wünsche euch viel Glück
bei der Suche.“ Die Wäschefrau erhebt sich und stampft zurück zu ihrem schwarzen
Ledersessel. Der Boden bebt. Dankbar für den Tipp zieht die Meute weiter.

Gefällt ihnen mein Text? Meine Kaffeekasse freut sich. Danke!